Was verbindet den norwegischen Massenmörder Breivik und den ehemaligen Al-Qaida-Anführer Bin Laden - außer, dass beide unzählige Menschenleben auf dem Gewissen haben? Ideologisch stehen sie, zumindest auf den ersten Blick, ganz klar auf verschiedenen Seiten der Barrikaden: der eine stilisiert sich zum Kreuzritter, der andere zum Jihad-Fürsten. In ihrer Wahrnehmung des “Kulturkampfes”, der zwischen dem Islam und dem “christlichen Abendland” ausgetragen wird, sind sie allerdings erstaunlich einig. Hätten sich die beiden Verbrecher unterhalten, würden sie vermutlich mit Erstaunen feststellen, dass auch ihre Ansichten zu gesellschaftlichen und politischen Fragen viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede aufweisen. Denn der vielbeschworene Kampf der Kulturen findet in der Tat statt, die Gegenpole sind aber keinesfalls durch ihren Glauben definiert - im Gegenteil, viele auf den ersten Blick tief verfeindete Gruppen stehen in Wirklichkeit auf derselben Seite. Die Front verläuft quer durch die Gesellschaften, auf der einen Seite stehen dabei die progressiven und freiheitlichen Kräfte, auf der anderen die restriktiven, rückwärtsgewandten, reaktionären Ideologen.
Die Reaktionären haben, unabhängig davon, ob und welcher Glaubensrichtung sie angehören, viele gemeinsame Anliegen: eine ausgeprägte Ablehnung gegen jede Form von Gleichberechtigung und eine Sehnsucht nach den Zuständen, als die Frau noch dem Mann untergeordnet wurde; einen tiefen Hass auf Homosexuelle und allgemein sehr eng ausgelegte Vorstellung über Sexualmoral; Zweifel an der Demokratie als Regierungsform gepaart mit einem Wunsch nach “starker Hand”; und die Überzeugung, “Moral” (deren Details sich unterscheiden mögen, die aber stets restriktiv ist und tief in die Privatsphäre von Menschen eingreift) müsse Grund- und Bürgerrechten übergeordnet sein.
Einem Reaktionären - so islamophob eingestellt er auch sein mag - ist eine Gesellschaft unter Scharia-Gesetzen, in der außerehelicher Sex und Homosexualität mit dem Tod bestraft werden und eine gnadenlose Sittenpolizei für Ordnung sorgt, weitaus lieber als die heutige freiheitliche Gesellschaft im Westen – deren Einstufung als “verroht” oder “pervers” wird von hiesigen Ultrakonservativen genauso oft zum Ausdruck gebracht, wie von radikalen Islamisten. Es ist deshalb keinesfalls verwunderlich, dass Breivik einem “frommen Islam” durchaus mit Sympathie begegnet - vielmehr ist es eine absolut nachvollziehbare Kombination. Genausowenig überraschend ist es, dass mehrere Würdenträger christlicher Kirchen die gewalttätigen Proteste in den muslimischen Staaten gegen die Mohammed-Karikaturen begrüßten (ein russischer Mitropolit kommentierte sogar, er wünsche sich “dass Christen ihre Werte genauso verteidigen würden”): die Unterdrückung freier Meinungsäußerung zugunsten unantastbarer religiöser Dogmen ist für Fundamentalisten aller Religionen ein Herzensanliegen, im Vergleich zu dem die Unterschiede zwischen den einzelnen Religionen eine Kleinigkeit sind.
In diesem Zusammenhang wird klar, dass der Begriff des “islamophoben Rechtspopulismus”, der immer wieder als neue Gefahr von Rechts heraufbeschwört wird, an den wahren gesellschaftlichen Trennlinien vorbeigeht. Genauso wie im Weltbild konservativer Islamhasser werden dabei Positionen aus der Sicht pro/contra Islam bewertet, anstatt sich der Frage pro/contra Freiheit zu widmen, die sofort die gedankliche Nähe von Reaktionären aller Glaubensrichtungen und deren Unverträglichkeit mit progressiv-liberalem Gedankengut offenbaren würde. In den Reihen der Kritiker der fortwährenden Verbreitung des Islams in Europa kann die Kluft zwischen den Liberalen (deren Kritik den freiheitseinschränkenden und autoritären Tendenzen des Islams gilt) und den Reaktionären (die - wie Breivik in seinem Manifest - Muslime in Europa als “Fremde” hassen, aber deren autoritäre Ideologie unter anderer Fahne vollkommen teilen) beispielweise auf der bekannten Webseite Politically Incorrect beobachtet, wo sowohl in den Beiträgen als auch in den Kommentaren just diese zwei Gruppen regelmäßig aufeinanderprallen.
Ein Liberaler, der die reaktionären und bürgerrechtsfeindlichen Sichtweisen des fundamentalistischen Islams kritisiert, findet sich dabei stets in eine Zwickmühle wieder: seine konservativ-islamkritischen Weggefährten greifen die liberalen Standpunkte an, während gleichzeitig die eigentlichen Verbündeten - “Linksliberale”, “Progressive” oder wie man diese Gruppe auch bezeichnen mag – ihn als einen “Rechtspopulisten” geißeln, mit dem keinerlei gemeinsame Sache gemacht werden kann. Dieser “Kampf gegen Rechtspopulismus” hat dabei oftmals schizophrene Züge: werden traditionell progressive Themen wie Frauen- oder Homosexuellenrechte und deren Verletzung im fundamentalistischen Islam angesprochen, kommen sofort Relativierungen und Verharmlosungen - aus der Angst heraus, ansonsten in die rechte Ecke gestellt zu werden. Poppers Aussage, dass im Namen der Toleranz die Intoleranz nicht toleriert werden dürfe, scheint zwar im Umgang mit rechtsextremem Gedankengut zurecht unstrittig zu sein, dass sie aber genauso auch auf religiöse Traditionalisten zutrifft, wird gewissentlich ausgeblendet. Die Art, wie mit dem Thema umgegangen wird ist auch der Grund, warum Versuche, islamkritische und zugleich liberal ausgerichtete Parteien und Bewegungen auf die Beine zu stellen, meistens scheitern und die Neugründungen sich nach nicht allzu langer Zeit im gutbekannten braunen Sumpf wiederfinden: von den freiheitlichen Kräften im Stich gelassen können die Liberalen nicht gegen eine Übernahme von rechts ankommen. Aktuellstes Beispiel ist die Partei DIE FREIHEIT, die auf ihrem Bundesparteitag Anfang Dezember sich wohl endgültig von einer (bereits davor stark abgeschwächten) liberalen Grundhaltung verabschiedet hat und zu einem reinen Verein von konservativen Islamhassern verkommt.
Diese Unfähigkeit zur Differenzierung und das reflexartige Abtun jeglicher Kritik am Islam und seinen Ausprägungen als “Rechtspopulismus” verhindert die dringend notwendige Aufstellung einer breiten Front gegen alle Arten von Fundamentalismus und reaktionärem Gedankengut. Das könnte katastrophale Folgen für die freiheitliche Gesellschaft haben, denn es ist egal, ob letztendlich die Kreuzritter oder die Jihad-Kämpfer die Oberhand behalten sollten: beides bedeutet ein Ende der Freiheit.
Update vom 22.03 (da ich speziell danach gefragt wurde): Ja, ich habe PI lange Zeit gelesen und den oben beschriebenen Kampf zwischen (Radikal-)liberalen und Konservativen/Fundamentalisten verfolgt. Mittlerweile ist es mir die Mühe nicht wert, da die reaktionäre Seite immer mehr die Oberhand gewinnt und die vernünftigen Beiträge hoffnungslos untergehen. Letztendlich leider noch ein Beispiel des Verdrängungseffekts.